Der gemeinsame Alltag mit demenzkranken Menschen

In einer FKV-Informationsveranstaltung am 2. Juli 2010 zeigte die Diplom‑ Heilpädagogin Susanne Bokelmann (Foto) Möglichkeiten auf, den Alltag mit demenzkranken Menschen so  zu gestalten, dass die Betroffenen selbst, aber auch die Angehörigen dies als eine Entlastung empfinden. Dabei ging die Referentin von vier Grundbedürfnissen demenzkranker Menschen aus (nach Tom Kitwood):

 

• das Gefühl, etwas wert zu sein,

• das Gefühl, etwas tun zu können,

• das Gefühl, mit anderen in Kontakt treten zu können,

• das Gefühl der Hoffnung oder des Urvertrauens.

Diese Gefühle oder Grundbedürfnisse des Demenzkranken müsse man respektieren und so sein Wohlbefinden stärken. Das gelinge besonders durch die Wertschätzung anderer Menschen, durch Beschäftigung, durch Einbeziehung und geeignete Kommunikation, durch feste Bezugspersonen und eine gleich bleibende Tagesstruktur.

 

Da man die Problematik der Alltags- gestaltung mit Demenzkranken nicht auf einer einzigen Seite angemessen erörtern kann, soll sie von dieser Ausgabe des FKV-FORUMs an in einer Serie von Beiträgen behandelt werden. Diese orientieren sich u. a. auch an dem Referat von Frau Bokelmann. Unterlagen zu ihrem Vortrag sind im FKV‑Büro erhältlich. 

Wer sich gründlicher informieren will, sollte zum Buch des niederländischen Psychologen und Psychogerontologen Huub Buijssen Demenz und Alzheimer verstehen" greifen. Das im Beltz‑Verlag erschienene Werk (ISBN 978‑3‑407‑85862‑7) kostet 16,90 EURO (Stand: Juli 2010). Die kostenlose Broschüre des Bundesgesundheitsministeriums „Wenn das Gedächtnis nachlässt" (Foto) ist zurzeit nicht erhältlich; der Ratgeber ist aber als pdf‑Datei auf den PC herunterzuladen!

I. Was kennzeichnet den gemeinsamen Alltag mit demenzkranken Menschen?

Die Berichte von Angehörigen oder Ehepartnern darüber, was sie im Alltag mit ihrer demenzkranken Mutter, ihrem demenzkranken Ehemann usw. erleben, stimmen oft bis in Einzelheiten überein. Erste Anzeichen oder Symptome einer Demenz können sich darin zeigen, dass ...

  • immer wieder dieselben Fragen gestellt und/oder dieselben Antworten gegeben und/oder dieselben (meist lange zurückliegenden) Geschichten erzählt werden.
  • selbst einfache Fähigkeiten verloren gehen. Der Demenzkranke weiß z.B. plötzlich nicht mehr, wofür er den Hammer oder Rasierapparat in seiner Hand gebrauchen wollte. Sie kann auf einmal nicht mehr mit dem Löffel essen. Der Wert des Geldes wird nicht mehr erkannt. Das Portemonnaie oder der Hausschlüssel wird an die unmöglichsten Stellen verlegt usw.
  • die Verständigung und Kommunikation immer schwieriger wird. Die Angehörigen oder Ehepartner verstehen immer weniger, was der Demenzkranke (sagen) will; er spricht z. B. von der Zeitung, meint aber (vielleicht) das gekochte Ei vor ihm auf dem Tisch.
  • dauernde Anwesenheit eines Angehörigen erwartet wird oder dass sein Verhalten es notwendig macht, bei ihm zu bleiben oder ihn nicht unbeaufsichtigt zu lassen.
  • der Demenzkranke Orientierungsprobleme hat. Er findet sich in seiner Wohnung nicht mehr zurecht, fühlt sich nicht zu Hause, will weglaufen. Dieses Weglaufen ist aber letztlich ein Hinlaufen nach Hause!
  • sich das Verhalten, ja die Persönlichkeit des Demenzkranken ändert: er zieht sich zurück, wird abweisend oder aggressiv, wo er doch früher gesellig, sanft und freundlich war.

Im Anfangsstadium der Demenz spüren die Kranken zumeist, dass etwas mit ihnen d.h. in ihrem Kopf nicht stimmt. Sie leiden darunter, dass sie plötzlich nicht mehr wissen, wann der Ehepartner Geburtstag hat oder wie seine/ihre Kinder heißen. Sie versuchen häufig, diese Erinnerungslücken zu vertuschen, zu überspielen oder zu kompensieren, indem sie z.B. ein Notizbuch anlegen, das sie dann aber womöglich verlegen.

 

Kinder, Ehepartner usw. verzweifeln fast daran, wie sie mit dem Vergessen und den Verhaltensveränderungen ihres demenzkranken Angehörigen umgehen sollen. In der Tat besteht auch keine Hoffnung, diese Symptome einer Demenz zu verhindern. Allerdings kann man etwas, ja sogar viel dafür tun, die Kommunikation und den gemeinsamen Alltag zu erleichtern und so das Wohlbefinden auf beiden Seiten zu fördern! Dazu mehr im 2. Teil.

 

K.‑H. Holtheuer