SCHWERPUNKT
Der gemeinsame Alltag mit demenzkranken Menschen III
Diese Schwerpunktreihe1) geht der Frage nach, wie man den gemeinsamen Alltag mit einem dementen Menschen erträglich gestalten kann. Im Teil II ging es um die Bedeutung einer einfühlsamen Kommunikation.
Eng mit der Kommunikation zusammen hängt die gemeinsame Pflege schöner Erinnerungen. Dabei wird das Langzeitgedächtnis des Menschen mit Demenz angesprochen und aktiviert. Das Langzeitgedächtnis ist eine Ressource, auf die der an Demenz Leidende2) am längsten zurückgreifen kann. Hier befindet er sich auf sicherem Terrain und kommt sich dadurch respektiert und wertgeschätzt vor. Oft bedarf es nur eines Anstoßes, und der Kranke erinnert sich wieder gut - und gerne - an Ereignisse seiner Kindheit, Jugend und frühen Erwachsenenzeit. Dabei sollten Betreuer/innen möglichst nur zuhören, ohne Fragen zu stellen und korrigierend einzugreifen. Der Kranke hat so das Gefühl, wichtig und respektiert zu sein.
Bedeutung von Erinnerungen: Erinnerungen, eigene und gemeinsame, sind nicht nur in der Beziehung zu Menschen mit Demenz von besonderer Bedeutung: Erinnerungen bilden Brücken zwischen Gegenwart und Vergangenheit, schaffen zwischenmenschliche Beziehungen und Kommunikation, verringern die Distanz zwischen Jung und Alt, bewahren kulturelles Erbe, schaffen Freude und geben ggf. reichlich Anlass zum Lachen und Wohlgefühl.
Mit positiven Erinnerungen kann man einen Zugang zum dementiell erkrankten Menschen finden. Das schützt ihn vor einem Rückzug in sich selbst und vor Vereinsamung. Diese Erinnerungen können mit Hilfe von Musik, Fotos Büchern hervorgerufen werden. Deshalb ist Biografiearbeit sehr wichtig: Sich im vergangenen Leben des Menschen mit Demenz auszukennen, ist bei der Betreuung durch Familie oder andere Pflegepersonen hilfreich. Das hilft, Wohlbefinden zu bereiten, Ängste zu nehmen, den Erkrankten zu verstehen und seine Bedürfnisse zu sichern.
foto_tandem_img_3395_612Erinnerungspflege durch Musik: Musik ist in allen Demenzstadien einsetzbar. Das Anhören von Musik, die er mag, weckt positive Erinnerungen und löst Wohlbefinden aus. Bei Menschen mit fortgeschrittener Demenz kommt übrigens Musik von der CD oft besser an als aus dem Radio. Musik kann wie ein Türöffner wirken, beruhigen oder anregen. Musik sollte aber nicht als Dauerreiz angeboten werden; das kann leicht aggressiv machen. Gemeinsames Singen bekannter Lieder, Klatschen und Tanzen dagegen stärken das Selbstwertgefühl des Kranken: er fühlt sich einbezogen, ernst genommen.
Erinnerungspflege durch Fotos: Eine weitere Chance, dem Langzeitgedächtnis des Menschen mit Demenz Rechnung zu tragen und seine Erinnerungen zu wecken, besteht darin, mit ihm alte Fotos zu betrachten und ihn kommentieren zu lassen. Zumal Fotos von Familienfesten, Urlaubsreisen, Tieren wecken positive Erinnerungen und dienen der Lebensrückschau. Wichtig ist es, Fotos gemeinsam anzuschauen – der Demenzkranke fühlt sich dann integriert! – und ihn erzählen zu lassen. Bei fortgeschrittener Demenz sollte der Betreute nur einzelne Bilder betrachten!
Bitte nehmen Sie verwirrte oder unangemessene Äußerungen oder Handlungen eines Menschen mit Demenz nicht persönlich. Nur Gesunde können Verständnis und Geduld zeigen; das kann ein Mensch, der an Demenz erkrankt ist, oft nicht. (Fortsetzung folgt)
Br. Hergersberg3)/K.-H. Holtheuer
1)Auch dieser Artikel greift viele Gedanken auf, welche die Diplom-Heilpädagogin Susanne Bokelmann bei einer FKV-Vortragsveranstaltung am 2.07.2010 referierte.
2)Natürlich sind an dieser Stelle und im Folgenden immer auch Frauen mit Demenz mitgemeint.
3)Frau Hergersberg leitet u.a. auch den Einsatz unserer FKV-Familienhelferinnen, die sich bei TANDEm in Demenzbegleitung haben fortbilden lassen.